Das Lastenausgleichsarchiv in Bayreuth ist ein Standort des Bundesarchivs und dokumentiert mit seinen Beständen die materiellen Verluste, die Flucht- und Vertreibungserfahrungen sowie die Maßnahmen zur Entschädigung und Integration von Vertriebenen und Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg. Neben Millionen von Lastenausgleichsakten verwahrt das Archiv unter anderem die sogenannte Ost-Dokumentation, Gemeindeseelenlisten sowie Unterlagen des Kirchlichen Suchdienstes und der Ausgleichsverwaltung.

„Das Lastenausgleichsarchiv ist ein zentrales Gedächtnis für die Erfahrungen von Vertriebenen und Kriegsopfern und eine unverzichtbare Quelle für Forschung, Erinnerungskultur und auch für viele Familien, die ihre Geschichte nachverfolgen wollen“, erläuterte Prof. Dr. Hollmann.

Im Mittelpunkt der Gespräche mit Prof. Dr. Hollmann und Karsten Kühnel standen die wachsenden Anforderungen an das Bundesarchiv, die zunehmende Zahl von Anfragen sowie die Notwendigkeit, trotz begrenzter Ressourcen eine verlässliche Nutzung der Bestände zu gewährleisten. Dabei kamen sowohl der hohe gesellschaftliche Stellenwert der Arbeit des Bundesarchivs als auch die aktuellen Engpässe im Bereich Personal und Bearbeitungskapazitäten zur Sprache.

Anette Kramme unterstrich, dass das Bundesarchiv als „zentrales Gedächtnis von Staat und Gesellschaft“ einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Desinformation leistet und demokratische Entscheidungsprozesse nachvollziehbar dokumentiert. „Wenn wir wollen, dass Fakten gegen Fake News bestehen, müssen wir Einrichtungen wie das Bundesarchiv stärken – auch hier in Bayreuth“, ergänzte Karsten Kühnel.

Bereits im Vorfeld des Besuchs hatte sich Anette Kramme mit einem Schreiben an Staatsminister Dr. Wolfram Weimer, den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, gewandt, um auf die Situation im Lastenausgleichsarchiv Bayreuth hinzuweisen und eine personelle Stärkung des Standorts anzumahnen. In seiner Antwort würdigt Staatsminister Weimer die wichtige gesellschaftliche Rolle des Bundesarchivs und teilt die Sorge über die bestehenden Einschränkungen für bestimmte Gruppen von Nutzenden.

Weimer verweist auf bereits eingeleitete Maßnahmen, darunter Optimierungen der Arbeitsprozesse sowie die temporäre Zuordnung von Personal aus der Hauptdienststelle in Koblenz, durch die bereits rund 16 Prozent des Rückstaus abgearbeitet werden konnten. Zugleich zeigt er sich zuversichtlich, dass sich die Situation im Laufe des Jahres deutlich verbessern wird und der Abbau der Rückstände allen am Lastenausgleichsarchiv interessierten Anfragenden zugutekommt.

Anette Kramme zeigte sich jedoch wenig zufrieden mit diesen Aussagen: „Ich werde mich auch weiterhin dafür einsetzen, dass sich die Personalsituation der bundeseigenen Archive und insbesondere des Lastenausgleichsarchivs in Bayreuth deutlich verbessert, um ihre wichtige Aufgabe auch im Interesse der Bürgerinnen und Bürger vollumfänglich wahrnehmen können“.

Im Anschluss an das Gespräch nahmen Anette Kramme, Prof. Dr. Hollmann und Karsten Kühnel an einem Rundgang durch das Lastenausgleichsarchiv teil. In den Magazinräumen wurden anhand ausgewählter Akten exemplarisch die Arbeitsabläufe der Archivierung, Erschließung und Nutzung erläutert und gezeigt, wie Anfragen aus Wissenschaft, Öffentlichkeit und genealogisch Interessierten bearbeitet werden.

Kramme zeigte sich beeindruckt von der Dimension und Komplexität der Bestände: „Was hier in Bayreuth geleistet wird, ist ein wichtiger Dienst an den Menschen, deren Schicksale dokumentiert sind, und an unserer demokratischen Erinnerungskultur. Diese Arbeit verdient Anerkennung – und die notwendige Unterstützung durch die Politik“.

Info:
Das Lastenausgleichsarchiv wurde Ende der 1980er Jahre im Geschäftsbereich des Bundesarchivs eingerichtet und hat seinen Sitz in Bayreuth. Es archiviert die Akten der Ausgleichsverwaltung und stellt sie für die wissenschaftliche Forschung, für Fragen der Flucht- und Vertreibungsgeschichte sowie für individuelle Auskünfte, etwa zur Ahnen- und Herkunftsforschung, zur Verfügung. Damit leistet der Standort Bayreuth einen bundesweit bedeutsamen Beitrag zur Aufarbeitung der Folgen von Krieg, Enteignung, Flucht und Vertreibung.